ODDO BHF Investment Office View vom 2. Mai 2025
LAUFENDE BERICHTSSAISON BIRGT UNGEWÖHNLICH HOHE UNGEWISSHEIT
Stephan Rieke und Christian von Hiller
Investment Office Private Wealth Management
Selten waren sich die Analysten so unsicher, mit welchen Erwartungen sie in die Berichtssaison der Unternehmen über den Geschäftsverlauf im ersten Quartal 2025 gehen sollen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg und das Researchhaus Factset tragen die Gewinnerwartungen der Aktienanalysten regelmäßig zusammen. In der Regel formt sich daraus ein recht zuverlässiges Gesamtbild. Doch dieses Mal wollen die Zahlen nicht zusammenpassen. Dabei blicken die Anleger auf die Zahlen des ersten Quartals 2025 gerade jetzt mit besonders großer Spannung. Immerhin decken sie die ersten Monate der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump ab, der ja am 20. Januar offiziell in sein Amt eingeführt worden ist.
Umso genauer schauen die Anleger auf die Zahlen, die tatsächlich veröffentlicht werden. Mittlerweile lassen sich erste Aussagen über die ersten drei Monate 2025 ableiten. So lagen zuletzt in Europa zahlreiche Quartalsberichte über den Erwartungen der Marktteilnehmer und haben damit die Aktienmärkte gestützt. So kamen beispielsweise von der Deutschen Bank oder vom französischen IT-Beratungsunternehmen Cap Gemini positive Geschäftszahlen. In den USA haben laut Factset bisher mehr als ein Drittel der Unternehmen im amerikanischen Aktienindex S&P 500 Quartalszahlen veröffentlicht. Fast drei Viertel von ihnen haben einen Gewinn je Aktie genannt, der die – im Vorfeld allerdings vielfach nach unten revidierten – Schätzungen der Analysten übertraf.
In dieser Woche berichten zahlreiche weitere US-Unternehmen über ihren Geschäftsverlauf im ersten Quartal 2025, darunter auch einige Schwergewichte. Aus dem Kreis der „Glorreichen Sieben“ (Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia, Tesla), die den Markt in den vergangenen Monaten stark bewegt hatten, haben in dieser Woche Amazon, Apple, Meta und Microsoft ihre Quartalsergebnisse vorgelegt.
Besonders bei Amazon und Apple stellen sich Anleger die Frage, wie stark diese beiden Unternehmen von Trumps Zollerhöhungen getroffen werden könnten. „Wir haben bisher keine Abschwächung der Nachfrage gesehen“, hieß es im Statement von Amazon. Das Handelsunternehmen berichtete einen Gewinn je Aktie von 1,59 Dollar, was über den Erwartungen von 1,36 Dollar lag. Dennoch fiel der Aktienkurs aufgrund eines verhaltenen Ausblicks. Apple-CEO Tim Cook sagte gegenüber Analysten, dass die Kosten des Konzerns um 900 Millionen Dollar infolge der Zollerhöhungen steigen könnten. Zudem will Apple 500 Milliarden Dollar in eine erhöhte US-Präsenz investieren. Auch der Apple-Kurs gab nach Vorlage der Quartalszahlen stark nach, zumal das Unternehmen sein Aktienrückkaufprogramm von genehmigten 100 Milliarden Dollar um 10 Milliarden Dollar kürzen will. Positiv reagierte die Börse auf die Microsoft-Zahlen. Getrieben vom Cloud-Bereich lag der Quartalsgewinn je Aktie bei 3,46 Dollar, während die Analysten im Mittel 3,22 Dollar erwartet hatten. Google-Betreiber Alphabet hatte schon zum Schluss der vergangenen Woche solide Zahlen präsentiert: Der Umsatz stieg in den ersten drei Monaten 2025 gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent, das Nettoergebnis um 46 Prozent. An der Börse wurden diese Zahlen jedoch mit einem Schulterzucken quittiert.
Der Blick der Anleger richtet sich allerdings nicht allein auf die Quartalsberichte. Vielleicht noch mehr als sonst interessiert sie der Ausblick auf die kommenden Monate. Denn die großen Einschnitte in der amerikanischen Außenhandelspolitik hat US-Präsident Trump zu Beginn des zweiten Quartals getroffen, besonders die am 2. April verkündete drastische Erhöhung der US-Importzölle und die darauffolgenden Änderungen, Aufschübe und Kürzungen der Erhöhungen.
Diese Zollpolitik trifft die Unternehmen unterschiedlich hart. So produziert der Computer- und Smartphone-Fabrikant Apple stärker als andere Titel aus der Gruppe der „Glorreichen Sieben“ in China und könnte deshalb an empfindlicher Stelle von möglicherweise Handelskonfrontationen zwischen den USA und China betroffen sein. Gleichzeitig reagieren die ersten Unternehmen schon auf Trumps Politik und verlagern Aktivitäten in die USA. So dürfte der IT-Konzern IBM diese Woche Trump erfreut haben mit der Ankündigung, 150 Milliarden Dollar über fünf Jahre verteilt in den USA zu investieren. Mehr als 30 Milliarden Dollar davon sollen in Forschung und Entwicklung fließen und die Produktion in den beiden Bereichen Großrechner und leistungsstarke Quantencomputer stärken.
Noch sind Anleger und Analysten damit beschäftigt, die Auswirkungen der neuen US-Handelspolitik abzuschätzen. Sicher ist, dass sie die globalen Wirtschaftsbeziehungen erschüttern und die Unternehmen so sehr in ihren Investitionsplänen, ihren Absatzstrategien und ihrer Beschaffungspolitik treffen, dass sie kaum verlässlich für die kommenden Monate planen können. So hat beispielsweise der französische Elektronikkonzern Schneider Electric zu Wochenbeginn seine Prognose für seine implizite Kerngewinnmarge für das laufende Jahr gesenkt und dies mit der hohen Marktvolatilität begründet, nachdem der Umsatz im ersten Quartal hinter den Erwartungen am Markt zurückgeblieben war. Bisher lag die Vorhersage für die bereinigte Marge für das EBITA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) in einer Spanne von 19,2 bis 19,5 Prozent und beträgt nun 18,7 bis 19 Prozent.
In einem Punkt sind sich die Beobachter weitgehend einig: Trumps Außenwirtschaftspolitik wird die Weltwirtschaft insgesamt schwächen. So hat der IWF auf seinem Frühjahrsmeeting seine Wachstumsprognosen für das laufende Jahr zurückgenommen. Für die USA erwartet er in diesem Jahr nur noch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 1,8 Prozent, nachdem er noch im Januar für 2025 ein Wachstum von 2,7 Prozent angesetzt hatte. Auch für China hat der Währungsfonds die Prognose von 4,6 Prozent im Januar auf jetzt 4,0 Prozent gesenkt. Dagegen könnten die Länder der Eurozone nach Meinung der IWF-Volkswirte nur begrenzt in Mitleidenschaft gezogen werden. Hier nahm der IWF seine ohnehin schon bescheidene Wachstumserwartung für 2025 von 1,0 auf 0,8 Prozent zurück. Die Prognose für die Weltwirtschaft insgesamt reduzierte der IWF von 3,3 auf 2,8 Prozent.
Angesichts dieser hohen Unsicherheit rechnen wir auch in den kommenden Wochen und Monaten mit Phasen erhöhter Nervosität an den Märkten. Diese Zeit nutzen wir gegebenenfalls, um unsere Aktienpositionen in Phasen der Kursschwäche gezielt zu verstärken. Wir würden dabei auch unsere Positionen in Europa ausbauen. Denn auch wenn sich das globale Wachstum verlangsamen wird, so könnten die europäischen Unternehmen von den Wachstumsimpulsen profitieren, die beispielsweise die Bundesregierung mit ihrem Infrastruktur- und Rüstungsprogramm setzt. Insgesamt werden sich die Auswirkungen unterschiedlich auf die einzelnen Regionen, Branchen und Unternehmen verteilen. Eine breite Diversifizierung des Portfolios und selektive Zukäufe an schwachen Börsentagen dürften dazu beitragen, die aktuell bestehenden Unwägbarkeiten für langfristig ausgerichtete Investoren mit entsprechender Risikobereitschaft abzufedern.
Stephan Rieke und Christian von Hiller
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